LEIDER NOCH FIKTIVER BRIEF EINES BISCHOFS AN MENSCHEN DER KIRCHE, DENEN ES UM EINE KIRCHE DES GEGENSEITIGEN VERTRAUENS IM HORIZONT DER JÜNGSTEN KIRCHLICHEN MISSBRAUCHS-EREIGNISSE GEHT Wilhelm Bruners

Liebe Geschwister im gemeinsamen pastoralen Dienst! Als Ihr Bischof wende ich mich heute in besonderer Weise an Sie alle. Seit einigen Jahren ist die Kirche, wie Sie selbst sicher in vielen Gesprächen erfahren, wieder im gesellschaftlichen Diskurs. Leider aus einem erschreckenden Grund: Es sind die Verbrechen, die von pastoralen Personen (von Klerikern und Laien auf allen pastoralen Ebenen der Kirche - Bischöfe eingeschlossen) an Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen, vor allem Frauen, begangen worden sind. Und es sind die vielen Versuche, das alles vor der Öffentlichkeit zu verbergen und so am Schmerz der Opfer vorbei den Ruf der Kirche und ihrer Institutionen zu schützen, wodurch den Opfern erneut Leid angetan wird.

Doch heute geht es mir vor allem um meine Verantwortung als Bischof auch Ihnen gegenüber. Ich bekenne mich schuldig, dass mir erst heute, vor allem durch die öffentliche Diskussion, durch die Veröffentlichungen in den Medien (Presse, Fernsehen, Internet…) das Ausmaß dieser Verbrechen in seiner ganzen Abgründigkeit bewusst geworden ist.

Ihnen gegenüber fühle ich mich schuldig, weil viele von Ihnen uns Bischöfe seit Jahren gewarnt haben. Sie haben zu vielen unserer Entscheidungen (und auch Nicht-Entscheidungen) auf der Ebene der Bischofskonferenz kritisch Stellung genommen, sie haben uns in vielen persönlichen und gemeinschaftlichen Schreiben, Veröffentlichungen und Gesprächen eindringlich gebeten, die Zeichen der Zeit zu erkennen, die Sie, ganz nahe bei den Menschen, besser als wir im Bischofsamt seit langem schon wahrgenommen haben.

Die theologischen Fakultäten und einzelne Professorinnen und Professoren haben uns immer wieder auf systemische und ideologische Fehler in unserer Kirche durch wissenschaftlich gut belegte Veröffentlichungen, durch Gutachten und theologische und anthropologische Argumentationen aufmerksam gemacht. Während Sie an der Basis dieses Gespräch seit langem führen und seit vielen Jahren pastorale Konsequenzen fordern, erbitten… , haben wir Bischöfe uns insgesamt, es mag einzelne Ausnahmen geben, diesem Gespräch nicht gestellt.

Zu oft haben wir uns in der Vergangenheit dabei auf das Traditionsargument und auf die Grenzen berufen, die uns die „Weltkirche“ in Rom und die Nuntiaturen gesetzt haben. Wir Bischöfe haben es an Mut gegenüber dem Machtapparat des Vatikans fehlen lassen und dabei die betroffenen Menschen, mit denen Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, täglich leben und glauben, suchen und fragen, aus dem Auge verloren. Ich erinnere nur an die Katastrophe, die durch die Schließung der kirchlichen Beratungsstellen eingetreten ist, durch die Katastrophe der Enzyklika „Humanae vitae“, nach deren Veröffentlichung die deutsche Bischofskonferenz zwar in der „Königsteiner Erklärung“ versucht hat, die Gewissensentscheidung der Eheleute ins Bewusstsein zu heben, aber bis heute hat die Kirche „Humanae vitae“ nicht widerrufen und für das Leid, das sie Menschen damit angetan hat, um Vergebung gebeten.

Es gab einzelne Versuche des Aufbegehrens gegen bischöfliche und vatikanische Gewalt, die in der Vergangenheit geschehen sind, sie blieben aber Ausnahmen.

Auch hier galt und gilt seitens kirchlicher Behörden immer noch: Institutionsschutz first!. In den letzten Jahren ist das Gespräch der Bischöfe mit den theologischen Fakultäten nahezu abgebrochen: „Die Bischöfe fragen uns nicht mehr“, äußerte sich kürzlich ein bekannter Dogmatiker in einer öffentlichen Diskussion. Exegetische, dogmatische, ethische, pastorale und liturgische Erkenntnisse, die Sie seit Jahrzehnten an der Basis in kleinen Kreisen, in Seminaren und Foren mit Menschen diskutieren, besprechen und praktizieren, wurden und werden von uns Bischöfen oft kaum beachtet und zur Kenntnis genommen.

Im Gegenteil: Vielerorts bekamen und bekommen Sie, wenn Sie angezeigt wurden, Schwierigkeiten mit unseren Ordinariaten - oder auch mit uns im Bischofsamt. Zu oft wurden Sie abgemahnt, und es wurden Ihnen Konsequenzen angedroht, oder sie wurden zum Schweigen verpflichtet.

Noch immer sind wir Bischöfe der irrigen Meinung, Kirche müsse von oben nach unten organisiert und geleitet werden. Ein menschlich-dialogisches und synodales Verhältnis haben wir bis heute, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen, im kirchlichen System nicht. Es existiert immer noch zu viel unkontrollierte Macht in bischöflicher Hand. Sie haben als gemeinsame Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Evangelium und der Gott-Rede in der Gesellschaft bisher mit uns Bischöfen eine große Geduld gehabt.

Es waren nicht Ihre eindeutigen und vielfältigen Hinweise auf Verbrechen in der Kirche, die uns Bischöfe wachgerüttelt haben, es war das Ende der Geduld in der Gesellschaft, so muss ich leider erkennen, das auch mich in die Veränderung geführt hat.

Und wenn ich jetzt zu formulieren versuche, was etwa in der Missbrauchskrise zu tun ist, dann verstehen Sie das, bitte, in erster Linie als eine Art Kompass für mein eigenes Tun. Daran können Sie mich in Zukunft messen. Daran möchte ich aber auch Sie teilhaben lassen, damit wir in Zukunft wieder einen gemeinsamen Weg finden, auf dem Ihre jahrelangen Erfahrungen und Ihr reflektiertes Tun die Wertschätzung erfährt, die Sie in der Vergangenheit oft vermisst haben. Denn mir ist deutlich geworden, dass wir die jetzt anzugehenden „Hausaufgaben“, die von Ihnen und verschiedenen Räten und Gremien seit Jahren eingeklagt werden, nur gemeinsam tätigen können.

Ich brauche Ihren Mut, um das Notwendige zu tun, dass bei vielen, auch im Vatikan, Widerspruch auslösen wird. Damit müssen wir rechnen. Noch haben wir einen Bischof in Rom, Papst Franziskus, der immer wieder signalisiert, dass er bereit ist, ungewöhnliche und ungeliebte Schritte mit unserer Kirche zu gehen. Nutzen wir die Zeit. Und helfen Sie mir!

Mit geschwisterlichem Gruß in einen besonderen Advent!
+ Humilitus, Bischof von Hoffnungsland (Speranien)


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